«Wenn man nichts bemerkt, läuft alles reibungslos.»
Konfetti, Musik und ausgelassene Stimmung prägen das Bild der Bieler Fasnacht. Damit das Fest sicher und unbeschwert bleibt, wirkt im Hintergrund ein Netzwerk aus Planung, Erfahrung und Verantwortung. Dimitri Tanner der OWS Security GmbH sorgt als Sicherheitsbeauftragter (und nebenbei als «Wetterfrosch») der Faschingszunft Biel mit vorausschauender Planung dafür, dass die Fasnacht für alle freudig und unbeschwert bleibt.
Dimitri, wenn andere an Konfetti und Musik denken – woran denkst Du, wenn die Bieler Fasnacht näher rückt?
Dimitri: An Crowd Management, Fluchtwege, Rettungsachsen, Deeskalation, Sicherheitskonzepte, Risikoanalyse – an all die Dinge, die niemand sehen soll. Denn wenn Sicherheit gut funktioniert, bleibt sie unsichtbar. Dann wird die Bieler Fasnacht wirklich unbeschwert.
Was genau bedeutet es für dich, Sicherheitsbeauftragter der Faschingszunft Biel zu sein?
«Für mich bedeutet es, eine grosse Verantwortung zu tragen – denn es geht um Menschenleben, Sachwerte und darum, dass alle Besucherinnen und Besucher eine unvergessliche Zeit in der fünften Jahreszeit erleben dürfen. Es macht mich stolz, Teil der Bieler Fasnacht zu sein und mithelfen zu dürfen, dass sie sicher, respektvoll und lebendig bleibt.»
Wo hört der Spass auf – und wo fängt die Verantwortung an?
«Der Spass hört dort auf, wo Menschen zu Schaden kommen können – insbesondere dann, wenn Blaulichtorganisationen oder Sicherheitspersonal angegriffen oder verletzt werden. Er endet auch dort, wo Sachwerte mutwillig beschädigt werden und ein friedliches Feiern nicht mehr möglich ist. Denn Fasnacht soll ausgelassen, respektvoll und sicher bleiben – für alle.»
Was machst du eigentlich den ganzen Tag, wenn alle anderen feiern?
«Mein Fasnachtstag beginnt um 10:00 Uhr mit einem telefonischen Briefing durch den Meteorologen, der das Wetter über Biel für uns überwacht. Bereits zu diesem Zeitpunkt können erste Massnahmen notwendig werden – insbesondere, wenn sich abzeichnet, dass es kein „Schönwetter“ wird.
Anschliessend folgt der Austausch mit den Behörden sowie das Briefing mit dem Einsatzleiter des Sicherheitsdienstes, um die Lage, Zuständigkeiten und mögliche Schwerpunkte für den Tag abzustimmen.
Über den gesamten Fasnachtstag bin ich in der Stadt unterwegs. Dabei kontrolliere ich regelmässig, ob Fluchtwege und Rettungsachsen frei und jederzeit nutzbar sind. Gleichzeitig behalte ich die Crowd-Situation im Blick, erkenne mögliche Risiken frühzeitig und reagiere entsprechend.
Treffen Meldungen oder Hinweise ein, arbeite ich diese konsequent ab und verschaffe mir vor Ort ein Bild der Situation, um die notwendigen Massnahmen einzuleiten.
Ein Fasnachtstag dauert für mich in der Regel rund 16 Stunden. Ich bin meist einer der Letzten, der die Fasnacht in den frühen Morgenstunden verlässt – ausser am Sonntag, da ist etwas früher Schluss.»
Ab wann beginnt Sicherheit bei der Fasnacht: erst beim Umzug oder schon Monate vorher?
«Die Sicherheitsplanung für die Bieler Fasnacht beginnt bereits rund ein halbes Jahr im Voraus. Bestehende Sicherheitskonzepte werden dabei an die aktuelle Situation angepasst, gezielt optimiert und – wo nötig – weiterentwickelt. Gleiches gilt für die Risikoanalyse, die laufend aktualisiert wird, sowie für die Einsatz- und Ressourcenplanung.
Im Anschluss folgen mehrere Besprechungen und Koordinationssitzungen mit den Blaulichtorganisationen, der Stadt Biel sowie weiteren beteiligten Stellen. Durch diesen engen Austausch werden Abläufe abgestimmt, Zuständigkeiten geklärt und mögliche Szenarien gemeinsam durchgespielt.
So entsteht Schritt für Schritt das Sicherheitsdispositiv, das den Rahmen dafür schafft, dass die Bieler Fasnacht für alle Besucherinnen und Besucher sicher, reibungslos und unbeschwert stattfinden kann.»
Welche Situationen lassen dein inneres Warnlämpchen sofort aufleuchten?
«Vor allem dann, wenn sich kleine Auffälligkeiten zu einem Risiko entwickeln könnten. Dazu gehören ungewöhnliche Menschenansammlungen, plötzliche Stimmungswechsel in der Crowd oder Gruppen, bei denen spürbar wird, dass sich eine Situation aufschaukeln könnte. Auch Aggressionen, übermässiger Alkoholkonsum oder sichtbare Provokationen sind klare Warnsignale.
Ein weiteres Alarmzeichen ist, wenn Fluchtwege und Rettungsachsen nicht mehr frei sind – sei es durch Menschenmengen, abgestellte Gegenstände oder fehlgeleitete Besucherströme. Denn im Notfall zählt jede Sekunde, und Zugänglichkeit ist entscheidend.
Ebenso achte ich auf technische oder infrastrukturelle Risiken: unsichere Aufbauten, schlechte Beleuchtung, Stolperstellen oder Wetterumschwünge, die rutschige Flächen oder gefährliche Situationen verursachen können.
Kurz gesagt: Mein Warnlämpchen leuchtet immer dann auf, wenn etwas den Rahmen des friedlichen, sicheren Feierns verlässt – und wenn ich das Gefühl habe, dass aus einer harmlosen Situation schnell eine gefährliche werden könnte. Genau dann heisst es: hinschauen, beurteilen, handeln – bevor es eskaliert.»
Gab es einen Moment, in dem du dachtest: Gut, dass ich jetzt hier bin?
«Ein konkretes Beispiel habe ich nicht aber einen Moment, in dem ich denke „Gut, dass ich jetzt hier bin“, ist immer dann, wenn ich früh erkenne, dass etwas aus dem Ruder laufen könnte – und ich durch schnelles Handeln dazu beitragen kann, dass es ruhig bleibt und alle sicher wertfreieren können.»
Warum hast du dir freiwillig einen Job ausgesucht, bei dem man am liebsten nie auffallen sollte?
«Weil genau das zu mir passt. Ich arbeite gerne im Hintergrund, plane strategisch und einsatztaktisch – und beobachte lieber ruhig, wie sich alles entwickelt, statt im Mittelpunkt zu stehen.
Ausserdem beschäftige ich mich leidenschaftlich gerne mit Sicherheit und Risikobewältigung: Risiken erkennen, Szenarien durchdenken und Lösungen vorbereiten, bevor überhaupt etwas passiert.
Wenn mich niemand bemerkt und auch die Sicherheitsmassnahmen kaum auffallen, dann habe ich meinen Job richtig gemacht. Denn gute Sicherheit drängt sich nicht auf – sie sorgt im Hintergrund dafür, dass alles reibungslos, sicher und unbeschwert abläuft.»
Mit wem musst du besonders gut vernetzt sein, damit im Ernstfall alles funktioniert?
«Während der Fasnacht stehe ich in engem Austausch mit dem Einsatzleiter der Kantonspolizei Bern, dem Polizeiinspektorat der Stadt Biel sowie unserem Oberfou, der als Veranstalter letztlich die Gesamtverantwortung für die Bieler Fasnacht trägt.
Zusätzlich gehört auch der Einsatzleiter des Sicherheitsdienstes zu meinen wichtigsten Ansprechpartnern, damit Lagebild, Entscheidungen und Massnahmen jederzeit abgestimmt und koordiniert umgesetzt werden können.»
Wie schaffst du den Spagat zwischen Sicherheitskonzept und Fasnachtsfreiheit?
«Den Spagat zwischen Sicherheitskonzept und Fasnachtsfreiheit schaffe ich, indem ich Sicherheit nicht als Einschränkung verstehe – sondern als Voraussetzung dafür, dass die Fasnacht überhaupt frei, unbeschwert und lebendig bleiben kann. Ein gutes Sicherheitskonzept soll nicht auffallen und die Stimmung nicht bremsen, sondern im Hintergrund dafür sorgen, dass alles reibungslos läuft.
Dazu gehört, Risiken realistisch einzuschätzen, Massnahmen gezielt und verhältnismässig umzusetzen und jederzeit den Charakter der Bieler Fasnacht zu respektieren. Es geht nicht darum, alles zu kontrollieren – sondern die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen: freie Fluchtwege, funktionierende Rettungsachsen, klare Zuständigkeiten und eine enge Zusammenarbeit mit Blaulichtorganisationen und Sicherheitsdienst.
Am Ende ist es genau dieser Balanceakt: so viel Sicherheit wie nötig, so viel Fasnachtsfreiheit wie möglich. Damit alle feiern können – laut, bunt und ausgelassen – aber jederzeit sicher.»
Was unterschätzen die meisten, wenn es um Sicherheit an der Fasnacht geht?
«Die meisten unterschätzen, dass Sicherheit an der Fasnacht nicht erst dann beginnt, wenn etwas passiert – sondern lange davor. Viele denken bei Sicherheit nur an sichtbare Präsenz oder daran, dass im Notfall jemand eingreifen kann. Dabei besteht der wichtigste Teil aus Planung, Prävention und Koordination im Hintergrund: Risikoanalyse, Wetterlage, Einsatzplanung, klare Abläufe und die enge Zusammenarbeit mit Blaulichtorganisationen und der Stadt.
Unterschätzt wird auch, wie schnell sich Situationen verändern können. Ein Engpass wird plötzlich zur Menschenansammlung, ein harmloser Streit kann eskalieren – und ein blockierter Fluchtweg fällt oft erst auf, wenn jede Sekunde zählt. Genau deshalb braucht es Aufmerksamkeit, Übersicht und schnelle Entscheidungen.
Am Ende gilt: Fasnacht soll frei und unbeschwert sein – aber nur dann, wenn Sicherheit als unsichtbarer Rahmen funktioniert. Und wenn niemand darüber sprechen muss, war die Sicherheitsarbeit meistens genau richtig.»
Gibt es Regeln, die du selbst am liebsten ignorieren würdest – aber nicht darfst?
«Ja – und genau das zeigt, wie wichtig Verantwortung an der Fasnacht ist. Es gibt Regeln, die man als Besucher vielleicht als „lästig“ empfindet, die ich aber niemals ignorieren darf, weil sie im Ernstfall den Unterschied machen können.
Zum Beispiel das Thema Rettungsachsen und Fluchtwege: Es wäre manchmal einfacher, ein Auge zuzudrücken, wenn irgendwo kurz etwas abgestellt wird oder Leute in einer Zufahrt stehen bleiben. Aber genau solche Kleinigkeiten können im Notfall Sekunden kosten – und dann wird aus einer scheinbar harmlosen Situation plötzlich ein echtes Problem.
Auch bei Alkohol und Stimmung gibt es Momente, in denen man denkt: „Lass sie doch feiern.“ Aber sobald Aggressionen entstehen oder Einsatzkräfte respektlos behandelt werden, ist die Grenze erreicht. Dann zählt nicht mehr der Spass, sondern der Schutz aller.
Und genau das ist meine Aufgabe: nicht Spielverderber sein – sondern im Hintergrund konsequent bleiben, damit die Fasnacht für alle sicher, friedlich und unbeschwert bleibt.»
Und ganz ehrlich: Kannst du die Fasnacht überhaupt noch geniessen – oder siehst du überall nur Risiken?
«Ganz ehrlich: Ich kann die Fasnacht schon geniessen – einfach auf eine andere Art. Ich nehme die Stimmung, die Tradition und die Energie bewusst wahr, aber mein Blick bleibt immer ein Stück weit „im Einsatzmodus“. Risiken sehe ich nicht überall, aber ich erkenne schneller, wenn etwas kippen könnte. Und genau dann macht es mich zufrieden, wenn am Ende alles ruhig bleibt und alle unbeschwert feiern können – weil genau das auch Genuss ist.»
Ein herzliches Dankeschön, Dimitri Tanner, für die offenen Einblicke und das Interview – und für Deinen engagierten Einsatz zugunsten einer sicheren Bieler Fasnacht.



